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»Ich rede mit jedem« - Rainer Langhans besucht Bielefelder Burschenschaft und spricht über Gewalt, Musik und das »Dschungelcamp«


Bielefeld (WB). Die Prominenten der 68er sind tot, in alle Winde zerstreut - oder untereinander zerstritten. Einer ihrer auffallendsten Protagonisten war Rainer Langhans, der am Mittwoch bei der Bielefelder Burschenschaft Normannia-Nibelungen zu Gast war. Matthias Meyer zur Heyde sprach vorab mit dem 70-Jährigen.

Sie kommen aus Schwabing. Wie war die Zugfahrt?Rainer Langhans: Entspannt. Ich lese auf Reisen, auf der Fahrt nach Bielefeld war\'s der »Vatermord« von Walter Jens\' Sohn Tilman. Walter Jens ist mein großes Vorbild, seit er Vorträge im Internat der Herrnhuter Brüdergemeinde gehalten hat, wo ich unterrichtet worden bin.

Wie wird ein Rhetorikprofessor zum Vorbild eines linken Revolutionärs?Langhans: Walter Jens war ein großer Geist - nach dem Grad seiner Vergeistigung strebe ich seit Jahren. Leider hat ihm sein Geist nichts genützt: Walter Jens hat nicht rechtzeitig gelernt, sich auf den Tod vorzubereiten, er kann nicht richtig sterben, sein Körper wehrt sich gegen den Tod - das ist der Grund, warum er jetzt in der Demenz verdämmert.

Hm. Anderes Thema: Wie kommt es, dass ein Altlinker mit Burschenschaftern spricht, die von anderen Bielefelder Verbindungsstudenten als so rechtslastig eingestuft werden, dass sie nicht mal mehr am gemeinsamen Bismarck-Kommers teilnehmen dürfen?Langhans: Ich rede mit jedem. Auch mit der »Bild«-Zeitung. Auch mit RTL. Verwechseln Sie mich nicht mit den 68er-Studenten. Während die draußen auf der Straße »Enteignet Springer!« riefen, haben wir in der Kommune 1 in uns hineingehorcht, mit uns selbst und den anderen Kommunarden geredet. Frucht dieser Kommunikation: Es gibt keine Kriege mehr.

Bitte? Afghanistan? Irak? Sudan? Alles keine Kriege?Langhans: Schon Vietnam war kein richtiger Krieg mehr. Seit Amerikas letztem gerechten Krieg, dem gegen Hitler, gibt es doch nur noch Polizeiaktionen. Jetzt wird ja auch die Bundeswehr zu einer Polizeitruppe umgebaut. Noch allerdings kann niemand US-Präsident werden, der seinen Landsleuten nicht verspricht, er werde die Armee marschieren lassen. Auch Obama nicht. Das will ich ändern: keine Krieger mehr!

Erinnern die schlagenden Verbindungsstudenten Sie nicht an Krieger?Langhans: Doch. Und das werde ich den jungen Leuten auch sagen. Ich finde Verbindungen schräg, seit mich mein Vater, der selbst Korporierter war, zu ihren Abenden mitgenommen hat. Das Fechten ist ein Überbleibsel der Kriegsgenerationen, immer noch will man zeigen, dass man ein richtiger Mann ist, aber es ist doch erbärmlich, sich die Köpfe einzuschlagen. Wir brauchen eine Kommunikation in Liebe.

Krieg gibt es überall. Auch unter den Alt-68ern. Die Grüne Jutta Ditfurth hat Sie als Eso-Faschisten geschmäht, als esoterischen Neonazi.Langhans (lächelt): Wenn man mir Krieg anbietet, muss ich ihn ja nicht annehmen. Jutta Ditfurth ist selbst eine gewalttätige Kriegerin; von ihr kommandierte Schlägertrupps haben mich mal aus einer Versammlung geprügelt. Auch in den literarischen Selbstzeugnissen der 68er werde ich nicht gerecht dargestellt, man bezeichnet mich als Verräter, weil ich bei der Gewalt nie mitmachen wollte.

Mit Andreas Baader und Gudrun Ensslin waren Sie befreundet.Langhans: Ja, die Gewalt kam aus unserer Mitte. Die Aktivisten haben sich damals klammheimlich sehr über Kaufhausbrände und andere Gewaltakte gefreut. Ich hätte viel früher aus Berlin weg und in die Kommune gehen sollen.

Liebe mit Uschi Obermaier machen? Politiker werden?Langhans: Ich war ja im SDS [Sozialistischer Deutscher Studentenbund; die Redaktion]. Aber Politik ist nichts für mich. Man verschone mich mit solchen Machttypen wie Joschka Fischer. Die Kommune 1 war auf dem richtigen Weg: das Private ist das Politische. Und dafür schimpft man mich einen Spinner, eine Mediennutte.

Das bringt uns zum RTL-Dschungelcamp. Was hatten Sie dort zu suchen?Langhans: Die wollten mich schon für die vierte Staffel haben, aber da hätte ich, obwohl ich Veganer bin, Tiere essen müssen. Bei der fünften Staffel haben sie gesagt: Herr Langhans, für Sie ändern wir jede Regel. Ich habe den Dschungel genutzt, um den jungen Kandidaten, die ja alle auf Kampf, auf Gegeneinander gepolt waren, meine Vorstellungen von einem friedlichen Miteinander nahezubringen. Das hat funktioniert, RTL hat das nur nicht gezeigt.

Und Sie brauchten die 50 000 Euro Gage.Langhans: Nein, ich lebe von meiner Offiziersrente [207 Euro, Langhans war Zeitsoldat; d.Red.] und von den Honoraren beim Tingeln. Die Burschenschaft zahlt mir 200 Euro. Die 50 000 von RTL liegen noch bei mir rum. Ich will sie für ein Projekt verwenden - nur für welches? Ich verhandle übrigens gerade mit RTL über ein eigenes Format, in dem ich meine Ideen vertiefen kann. RTL erlöst mich aus meiner Randexistenz und macht mich zum Mainstream, so dass ich wirken kann.

Gegen Bohlen, Klum & Co. werden Sie mit Friede, Freude, Eierkuchen kaum anstinken können. Die Quote!Langhans: Leute wie Dieter Bohlen und Heidi Klum sind wichtig. Die zwingen die Kandidaten dazu, an sich selbst zu arbeiten, um bessere Menschen zu werden. Sie stellen andere an den Pranger, damit die sich selbst den Krieg erklären - die einzige akzeptable Form des Kriegs. Ich biete trotzdem ein Gegenmodell an: Liebe.

Hören Sie Musik? Welche?Langhans: In den 60ern haben wir viel Rock gehört, obwohl wir Politischen die Bands verachteten. Heute höre ich nur noch die »Musik des inneren Lebens«. Außerdem das, was die jungen Leute hören, »Tokio Hotel«, Justin Bieber. Aber nur zu Forschungszwecken: Wenn ich die Musik der Jugend kenne, weiß ich, wie die Jugend fühlt und kann richtig mit ihr reden.

Und wie redet man richtig mit der Jugend?Langhans: Wie wir in der Kommune 1, nur dass wir damals keine Elektronik dafür brauchten. Wir kamen ja aus der Ekstase jenes merkwürdigen einen Jahres der Erleuchtung, und als das Jahr vorbei war, waren wir ernüchtert, weil wir nicht alles und nicht alles sofort erreicht hatten. Also wollten wir mit Macht zurück in die Ekstase. Wir dachten, das ginge nur mit Sex & Drugs & Rock\'n\'Roll, aber das war falsch. Die Ekstase kommt beim miteinander Reden. Die Jugend redet längst: im Internet. Das Netz darf jetzt bloß nicht kommerzialisiert werden. Es darf nicht ins Materielle abdriften. Anderenfalls behindert es uns auf unserem Weg zur Vergeistigung.

 

Quelle: WESTFALENBLATT, 20.05.2011


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