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„Es schadet nicht, die eigene gefestigte Meinung immer wieder in Frage zu stellen, denn in der Weite der sozialen Wirklichkeit gibt es nur wenige endgültige und abschließende Antworten.“
Thilo Sarrazin
Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab
(Wie wir unser Land aufs Spiel setzen)
Deutsche Verlags-Anstalt / Random House
ISBN 978-3-421-04430-3
Am 30.08.2010 war der offizielle Verkaufsstart von „Deutschland schafft sich ab“. Der Tabubrecher Thilo Sarrazin erzeugte damit erwartungsgemäß einen Aufschrei in der veröffentlichten Meinung der Tagesmedien. Da setzen sich hohe deutsche Politiker ins Fernsehen und erzählen wahrheitswidrig, Sarrazin propagiere, daß bestimmte Menschen gar nicht erst geboren werden dürften. Da hat sich eine Bundeskanzlerin Angelika Merkel schon ein Urteil gebildet, ohne das Buch gelesen zu haben und verkündet mit der Würde ihres Amtes den Bann über das Buch und Sarrazin. Da behauptet sogar Renate Künast, sie habe des Buch mal eben im Zug von Hamburg nach Berlin gelesen. Da werden reihenweise Umfragen gestartet, welcher Bürger den Thesen Sarrazins zustimme. All das reduziert auf das Thema Ausländer als Sozialhilfeempfänger. All das, ohne daß bis dahin eine nennenswerte Menge an Menschen das Buch überhaupt gelesen haben kann.
Glaubt man der veröffentlichten Meinung und den Meinungsführern der Bundesrepublik, geht es in „Deutschland schafft sich ab“ um Eugenik, Sozialdarwinismus, Rassenkunde, Massendeportation von Ausländern und vieles mehr. Tatsächlich ist das Buch aber ein Beitrag zur politischen Debatte über die Zukunft des Sozialstaates. Die Begriffe „Beitrag“ und „Debatte“ sind zu betonen. Sarrazin stellt keine Dogmen auf, sondern präsentiert für ihn selbst wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse und belegte Alltagsfakten zu den heutigen Problemen. Daß seine Thesen streitbar sind und daß man seine eigenen Vorschläge nicht mögen muß, stimmt. Sarrazin betont das in seinem Buch immer wieder selbst. Keine Spur von Hetze und die ihm vorgeworfene, nur selten tatsächlich verwendete Polemik kennzeichnet Sarrazin auch als solche.
Nach einer grundlegenden Einführung zu „Staat und Gesellschaft“ (Kapitel 1), das manchen Gutmenschen schon „zu Fascho“ sein dürfte, geht Sarrazin mit dem „Blick in die Zukunft“ (Kapitel 2) und „Zeichen des Verfalls“ (Kapitel 3) in die Vollen. Selbstkritik ist an der Reihe. Kritik daran, daß die Deutschen sich immer noch für eine Spitzennation halten, in der man zwar immer mehr Schüler zur Hochschulreife bringen könne, aber davon nur die wenigsten in der Lage sind, mit den Königsdisziplinen der Bildung wie Mathe und Physik umzugehen. Die Folge sind der heutige Fachkräftemangel und Niedergang des deutschen Ingenieursberufes. Der Ingenieur und Techniker: Der einzige Berufszweig, der laut Sarrazin wahren Fortschritt und dadurch exportfähige Technik bringt, die am Ende das Geld in die Kasse der wohlhabenden Nation spülen soll. Heute jedoch leben und ruhen die Deutschen auf alten Lorbeeren. Das deutsche Ingenieurswesen wird durch asiatische Fleißarbeit überholt. Besserung ist nicht in Sicht. Sarrazin erkennt aber sehr wohl die Leistungsfähigkeit bestimmter Einwandergruppen und die Deutungsmöglichkeit besteht, als könne er mit einer „bunten Republik“ und dem Aussterben der autochthonen Deutschen sehr gut leben, solange nur der neue Deutsche die alte Leistungsfähigkeit unserer Nation erhält.
Nach der Kritik am Selbstbelügen der Deutschen geht es notwendigerweise zu den Themen „Armut und Ungleichheit“ (Kapitel 4), „Arbeit und Politik“ (Kapitel 5) und „Bildung und Gerechtigkeit“. Kurz: Kritik am status quo; Forderung von mehr Leistung und besserer Bildung. Durchleuchtet werden von Sarrazin verschiedene Möglichkeiten, ruhendes Arbeitspotential im Bereich der Sozialsysteme zu reaktivieren und damit auch menschliche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu befördern, sozusagen, die von außen, wieder in die Mitte der Gesellschaft zu holen. Arbeit und Leistung erhöhen das Selbstwertgefühl und damit die Lebensfreude, lautet die Botschaft. Auch eine Verbesserung des Bildungssystems erörtert Sarrazin und stellt dabei sehr differenziert verschiedene gescheiterte und auch nicht erprobte Ansätze dar. Fazit: Eine totale Chancengleichheit gibt es nicht. Irgendwann bildet sich heraus, wer zum Handwerker wird und wer zum Mathematiker oder Künstler; dann geht es um zielgerechte Förderung des jeweiligen Talents und nicht um frustrierende Gleichmacherei. Ein Patentrezept gibt es jedoch nicht.
Erst in Kapitel 7 geht es um die in großen Teilen gescheiterte Integration von Ausländern in Deutschland. Ein einziges Kapitel, das die gesamte Diskussion über das Buch bestimmt. Warum? Weil Sarrazin sagt, wie es ist. Warum auch nicht? Die Beweise sprechen für ihn. Was der Bürger täglich auf der Straße sieht, wird hier mit Zahlen bestätigt. Wer meint, er leide unter Wahrnehmungsstörung, weil der Alltag nicht mit den Sonntagsreden der Mulikulti-Freunde aus Politik und Medien übereinstimmt, wird beruhigt. Er ist gesund. Die Probleme sind da. Äußerst erstaunlich, was Sarrazin noch an Hintergrundwissen hervorkramt, das auch dem klar Denkenden noch nicht bewußt war. Hier übrigens ist es das erste und einzige Mal in diesem Buch, daß es um Ausländer geht, und zwar nur um Ausländer. Üblicherweise ist dieses nämlich Schelte für die Deutschen. Leistungsbereite Zuwanderergruppen wie Asiaten und Osteuropäer kommen durchweg bestens und mit hohem Lob durch Sarrazins Ausführungen. Das sollte eigentlich zum Nachdenken anreden und nicht zum Motzen und Jammern.
Das Kapitel über Bevölkerungspolitik und Demographie (Kapitel 8) bietet für Bielefelder kaum neues: Es sind die Analysen eines Prof. Herwig Birg in Reinkultur. Schreien nutzt nichts; die Zahlen stimmen. Leider!
Sarrazin erweist sich über die gesamte Strecke des Buches für den verständigen Leser gar nicht so sehr als der Konservative, wie ihn Konservative und die pseudo-linke Besserwisserkultur gerne darstellen. Seine Thesen weisen oft ein hohes Maß in Liberalität auf, befürworten die Fürsorge für jene, die sich nicht mehr selbst helfen können und trifft geradezu sozialistische Kernthemen, wenn er Arbeit für jeden um jeden Preis und eine umfassende staatliche Betreuung von Kindern und Jugendlichen fordert.
Sarrazin ist auch kein Hetzer. Immer wieder betont er, daß Argumente eine empirische Grundlage haben müßten und hält sich selbst an dieses Motto.
Schließlich ist Sarrazin auch kein Querdenker, wie ihn die konservative Presse gerne darstellt. Er denkt wie der einfache Mann auf der Straße. Auf jeder Familienfeier, im Büro, in meinungsführenden Medien, im Gespräch mit Kommilitonen oder Kunden hört man, was die Menschen bewegt. Hartz-IV-Empfänger, die sich in ihrem Status arrangiert haben und tatsächlich keiner geregelten Arbeit mehr bedürfen oder fähig sind; unfähige Politiker aller Couleur; Auseinanderklaffen der Armutsschere; Ausbluten des Mittelstandes; Arbeitslosigkeit; Probleme bei der Integration von Ausländern; die weit überproportionale Transferleistungsbedürftigkeit von Ausländern und regelrecht gezielte Einwanderung in die Sozialsysteme; Probleme im Bildungsbereich usw. All das beschäftigt doch jeden denkenden Menschen in der Bundesrepublik. Sarrazin unterfüttert dieses Problembewußtsein der Deutschen mit deutlich belegten Fakten. „Nazi“ ist man da nur für die pseudo-linke Besserwisserkultur. Kein normaler Mensch, der diese Themen zum Inhalt seiner Gespräche macht, sieht sich auch nur entfernt als „rechts“ oder „Nazi“ an. Warum auch?
Querdenker ist Sarrazin nur in einer Hinsicht: Wer denkt und vor allem redet wie er, hat kaum noch Chancen, in diesem Land zu Amt und Würden zu gelangen. Der Selektionsprozeß beginnt schon in der Universität, wo die pseudo-linke Besserwisserkultur und Niedermachungsmaschinerie Andersdenkende aus den Hörsälen schreit, mobbt und prügelt; wo auch mal einer seine Doktorandenstelle verliert, weil den HerrenInnen Besserwissern der „Fascho“ nicht gefällt. Die Deutungshoheit darüber, wer der „Fascho“ ist, haben die HerrInnen Besserwisser praktischerweise gleich mitgepachtet und Untermauern sie durch Forscher, Politiker und Journalisten, die sich einst aus dem selben Milieu rekrutiert hatten. Und dann so ein Sarrazin! Einer, der es geschafft hat! Einer von fast ganz oben in der Hackordnung öffentlicher Posten. Ja, Thilo Sarrazin ist „dort oben“ ein Querdenker.
Was die veröffentlichte Meinung (nicht die öffentliche) Sarrazin übel nimmt, ist daß „Deutschland schafft sich ab“ aufhört mit Ablenkungsmanövern, Beschwichtigungen, Gleichmacherei und sagt, wo die Fehler und Versäumnisse der Verantwortlichen dieses Landes liegen. Liest man das Buch, ist man nicht mehr überrascht, daß die veröffentlichte Meinung wenig Sympathien für den Herrn hat. Linkspartei, Jusos und SPD bekommen ihr Fett genauso weg wie die Medien (z.B. Anne Will), meinungsführende Wissenschaftler (z.B. Christoph Butterwege oder Inge Kloepfer, die er einen „Gutmensch“ nennt), Durchschnittsstudenten, Multikulti-Träumer, Multikulti-Profiteure (also bezahlte Akteure entsprechender Projekte, Vereine, Einrichtungen) oder einfach nur die Funktionäre und Verwalter des Sozialstaates. Ja, sogar „Strukturkonservative“ bekommen eine Klatsche dafür, daß sie die Leistungsfähigkeit unterer Bildungsschichten oft so abwertend beurteilen.
So sehr man es verachten kann, daß Thilo Sarrazin die Verbetriebswirtschaftlichung allen Lebens vornimmt. So sehr man Probleme hat mit Begriffen wie „Humankapital“, „niedrigqualifiziert“. So wenig lassen sich die mitgelieferten Daten wegreden. So erfrischend ist das freie Wort, der Tabubruch.
„Deutschland schafft sich ab“ ist eine exzellente und tabulose Ausarbeitung, die den Zustand unserer Republik belegt: Auf dem Papier und durch die die Diskussion, die über das Buch an sich entfacht wurde. Der eigentliche Skandal ist es, daß ein solches Buch in einer Demokratie ein Skandal sein soll. Noch immer herrscht in Deutschland anscheinend ein totalitärer Geist, der unliebsame Meinungen unterdrücken möchte. Eine Haltung, die wir endlich hinter uns lassen sollten, und zwar gerade auch die jetzigen Anti-Sarrazin-Schreihansel. Wer wen unterdrückt und ächtet ist egal; den Betroffenen schmerzt es immer.
Wer das Buch liest, schärft folglich sein Problembewußtsein nicht nur für die Zukunft des Sozialstaates. Er leistet auch einen Beitrag zur Meinungsfreiheit und kann sich nebenbei an selbstkritischen biographischen Schilderungen des „faulen Gymnasiasten“ Sarrazin erfreuen.
Nachsatz: Ja, das Kapitel 8 „Deutschland in 100 Jahren“ wurde hier bewußt nicht erwähnt. Es wäre doch „total Fascho“, auch noch über Thilo Sarrazins Traum und Alptraum die Deutungshoheit im Rahmen einer Buchbesprechung beanspruchen zu wollen…