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Burschenschafter Wilhelm Hauff


Neues Deutschland, 29.11.2002
Als der Orient noch märchenhaft war Vor 200 Jahren wurde Wilhelm Hauff geboren

Von Horst Haase

Welch wunderbare Märchenseligkeit, als die Namen von Orten wie Bagdad und Basra noch allein für exotisch buntes Gewimmel und geheimnisumwitterte schöne Fremdartigkeit standen, die Suren des Korans ausschließlich gegen böse Gespenster eingesetzt wurden und eine abgehauene Hand keineswegs an die muslimische Scharia erinnerte (vielmehr alten florentinischen Gesetzen geschuldet war). Welch fernes Fabelland auch, in dem noch galt, was Wilhelm Hauff in der Rahmenhandlung seines ersten Märchenalmanachs den Karawanenreisenden in den Mund legt: »...denn gerne dienen wir dem Bruder, wenn er auch anderen Glaubens ist.« Es war Toleranz und Menschlichkeit, die in den fabulierfreudig erzählten Geschichten dieses jungen Schriftstellers aufschienen, der den Märchenboom des frühen 19. Jahrhunderts nutzte (die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm waren vor einem guten Jahrzehnt erschienen), um in Anlehnung an die Übersetzungen von »Tausendundeine Nacht« seine orientalische Märchenwelt aktionsreich und unverwechselbar in Szene zu setzen. Der Kalif Storch, das Gespensterschiff oder der kleine Muck sind so über die Zeiten hinweg zu Begleitern junger wie älterer Leser geworden, kaum weniger als Rotkäppchen, Schneewittchen oder Aschenputtel. Die durch die Wüste ziehende Karawane und die quirligen Basare, auch arme Schneidergesellen und reiche Scheichs, edle Räuber und gerissene Betrüger prägten das Bild nahöstlicher Lebenswelten mit. Zwar war das Märchen für Wilhelm Hauff die Tochter der Fantasie, aber er ist auch um eine möglichst exakte Wiedergabe der Realitäten redlich bemüht gewesen und ließ den zeitgenössisch nahen Hintergrund, beispielsweise den Auftritt der napoleonischen Heeresmacht in Ägypten, selbst bei diesen Märchenstoffen nicht aus den Augen. Hauffs Märchen waren und sind geeignet, den kulturellen Horizont ins Weite hin zu öffnen; ihre weltweite Wirkung liegt nicht zuletzt darin begründet. In der »Reihe Reclam« sind sie dieser Tage mit den schönen Illustrationen der Erstdrucke neu herausgegeben worden. Darin auch die Hauff-Märchen mit deutschen Sujets, von denen vor allem zwei lebendig geblieben sind: die köstliche Spießbürger-Satire »Der Affe als Mensch« ? humorvolle Kritik autoritäten- und modengläubigen Verhaltens im biedermeierlichen Städtchen Grünwiesel; und das vor detailreicher Schwarzwaldszenerie spielende »Kalte Herz«, das seine Popularität durch den gelungenen DEFA-Film von 1950 auch in der modernen Medienwelt bewiesen und womöglich noch gesteigert hat, und das mit seinem unnachsichtigen Urteil über die verhängnisvollen Folgen hemmungsloser Gier nach dem Mammon, einem entfremdeten Leben nämlich, es bis heute an Aktualität nicht mangeln lässt. Die Hauptfigur, Peter Munk, aber geht den Weg so manches anderen der Hauffschen Helden, vom kaltherzigen Großprotz zurück in die armselige Köhlerhütte, bescheiden und »zufrieden mit dem, was er hat«, Ausdruck resignativen Rückzugs auch des Verfassers angesichts der übermächtigen Restauration in den 20er Jahren des 18. Jahrhunderts. Die Erzählweise dieser »deutschen« Märchen ist nüchterner, realitätsträchtiger; sie ist den Romanen und Novellen näher, die Hauff verfasst hat und die sowohl seine lockere Schreibhand belegen als ihn auch in bewusster Auseinandersetzung mit dem politisch-gesellschaftlichen wie dem literarischen Leben seiner Zeit zeigen. Der oppositionelle Burschenschafter, der Hauff 1822 war, zeichnete fünf Jahre später in einer der Gestalten seiner Novelle »Das Bild des Kaisers« nicht nur ein würdigendes wie selbstkritisches Porträt dieser politischen Bewegung, auch ihrer Gefährdung, sondern entfaltete darüber hinaus einen differenzierten Diskurs verschiedener gesellschaftlicher Kräfte, der sich an dem jeweiligen Verhältnis zu Napoleon entzündet ? ein Jahrhundertthema. In der schönen Geschichte »Die Bettlerin vom Pont des Arts« ist gar das Dampfmaschinenwesen schon erzählerisches Moment. Noch mehr aber beschäftigte Hauff das literarische Marktgeschehen, in das er verwickelt war. Sein Essay »Die Bücher und die Lesewelt« (1827) enthält Zwischenüberschriften wie »Die Leihbibliothek«, »Geschmack des Publikums«, »Besuch im Buchladen« und entwirft die satirische Vision einer fabrikmäßigen arbeitsteiligen Massenproduktion von Büchern, die dem seichten Zeitgeschmack huldigen. Welch scharfer Blick angesichts der künftigen Bücherfluten. Damals wurde das Buch endgültig zur Ware. Hauff war das damit verbundene Dilemma vertraut, und er stellte sich darauf ein: Als Anfänger versteckte er sich selbst hinter dem Namen eines der tonangebenden zeitgenössischen Trivialschriftsteller, und in seinem »Lichtenstein«-Roman (1826) lehnte er sich ohne Skrupel an die damals gängige Machart des Engländers Walter Scott an. Um zum Zuge zu kommen, ließ er seine Texte in Zeitungen und Taschenbüchern drucken, für seine Märchen wählte er die beliebte Publikationsform des Almanachs. Reflexionen über die Funktions- und Wirkungsweise von Poesie sind in nicht wenigen seiner Texte eingestreut. Sich unter diesen Bedingungen als Autor zu behaupten, beanspruchte Wilhelm Hauffs ganze Kraft. Zumal die meisten seiner Werke im Zeitraum von nur drei Jahren entstanden, zum Teil während einer Reise durch Frankreich, Belgien und die norddeutschen Lande, und bei parallelem Wirken als Journalist, Redakteur und Herausgeber, beides Versuche, den herkömmlichen Brotberufen zu entkommen. Von seinem Misstrauen in die Tragfähigkeit dieser Existenz zeugte aber, dass er zuvor seine theologische Ausbildung abschloss und sich das Refugium im kirchlichen Dienst offen hielt. Doch starb er schon im Herbst 1827, aus rastloser Tätigkeit gerissen, knapp 25-jährig. Am Nervenfieber, wie es hieß ? wir würden heute wohl Stress als Ursache diagnostizieren. Wilhelm Hauff: Sämtliche Märchen. Herausgegeben von Hans-Heino Ewers. Verlag Philipp jun. Stuttgart. 464 Seiten, Leinen, 14,90 Euro. Die Bettlerin vom Pont des Arts. Mit Illustrationen von Karel Hru?ka. Vitalis Verlag. 152 Seiten, gebunden, 9,90 Euro
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