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Burschenschaften:
Ein Spaziergang durchs Haus der Normannia-Nibelungen
Von Sebastian Schmidt (Text) und Britta J. Dombrowe (Foto)
Aus: Neue Westfälische / Mittwoch, 15. Januar 1997
Grün-Weiß-Gold - die Farben der Normannia-Nibelungen flattern im Wind vor dem Bielefelder Haus, durch das mich Björn (23, Studi und aktiver Bundesbruder) führen will. Es ist ein alt ehrwürdiges Burschenschaftsgebäude, durch das er mich begleitet.
Wir betreten den Telefonraum: Außer Telefon und Fax gibt´s hier nur noch eine vor dem Sperrmüll gerettete Couchgarnitur, die ganz allein die Schuld trägt, daß hier nicht nur telefoniert, sondern vor allen geratscht, getratscht und geratzt wird. Aber weiter geht´s in den eigentlichen Versammlungssaal. Es ist ein großer Raum mit einer langen Tafel, aus dem man durch eine Schiebetür zwei machen kann und der etwas ganz Besonderes hat: die Ahnengalerie. Hier hängen sämtliche Bundesbrüder, teilweise noch die aus des Kaisers Zeiten. Hat man sich nämlich erstmal für die Burschenschaft entschieden, erklärt Björn, dann bleibt man Burschenschaftler: bis daß der Tod sie scheide ... Und scheidet er sie, wird man gleich mit den Verbindungsfarben begraben.
Wir verlassen die Toten und die Alten Herren, so heißen die, die noch leben, aber nicht mehr als Studis im Haus, sondern als Ingenieure, Anwälte oder Betriebswirte irgendwo in der Bundesrepublik, und begeben uns zum Paukboden. Und hier geht´s richtig zur Sache. Hier werden die Schwerter geschwungen. Denn die Nibelungen sind nicht nur eine farbentragende, sondern auch schlagende Verbindung mit schlagenden Argumenten für die Tradition sich zu schlagen. Aber Björn wiegelt ab: "Das macht doch nur zehn Prozent des Verbindungslebens aus, das wird immer viel zu hoch gehängt", glaubt er.
Nichtsdestotrotz: Eine Mensur ist für jeden, der vom Fux (Mitglied auf Probe) zum echten Bundesbruder werden will, Pflicht. Alle weiteren Gefechte (Kür) sind freiwillig. Auch Björn hat sich dieser Mensur-Prozedur unterzogen. Wegen des Zusammenhalts und der Wahrung der Tradition, sagt er. "Wenn es nur um Selbstüberwindung ginge, könnte ich auch Bungee-Jumping machen." Ich kann nur nicken und fände das ungleich attraktiver. Zu den berühmten Narben, die man Schmisse nennt sei es allerdings noch in keinem Pflichtgefecht gekommen.
Plötzlich stehen wir in der Trinkstube. Klein ist die, mit kleiner Theke und Stehtischen. Kaum sind wir dort drin, rückt Björn das nächste Bild zurecht: Die verbreitete Vorstellung, daß Burschenschaftler, wenn sie nicht gerade fechten, betrunken sind, sei falsch, sagt Björn und zeigt nicht ohne Stolz aufs Bad, in dem sich nicht nur kein Schmutz, sondern auch kein Papst, will meinen: kein Kotzbecken, befindet.
In den oberen beiden Etagen befinden sich dann die Studi-Zimmer unterschiedlicher Größe, die zwischen 160 und 340 Mark warm kosten. Wer in einer Burschenschaft lebt, lebt günstig. Und aufgenommen wird fast jeder: Zivis jedenfalls auch und Ausländer, "wenn sie dem christlich- abendländischen Kulturkreis angehören". Wie gesagt: fast jeder. Ach so: Frauen natürlich nicht. Das erwähnt Björn so nebenbei. Und warum nicht, wenn man fragen darf? "Um Trouble zu vermeiden", sagt Björn. Und weil Frauen sich nicht schlagen könnten. "Das ist ´ne lebenslängliche Gemeinschaft und keine WG, wo man ausziehen kann, wenn´s mal schiefläuft." Aha, denk´ ich und stehe vor der Haustür.